Medienkompetenz: Schlüsselqualifikation zur Stressregulierung

__Mediennutzung kann stressen – ob bewusst oder unbewusst. Heranwachsende sollten sich daher frühzeitig kritisch mit Medien auseinandersetzen und lernen, sie eigenverantwortlich zu nutzen. Welche Kompetenzen benötigen Kinder, um digitale Stressoren erkennen und vermeiden zu können? Und wie kann aktiver Stressabbau über die gezielte Nutzung von Medien gelingen?__
### Mediennutzung – Potenziale und Risiken erkennen Reizüberflutung, sozialer Stress oder Überforderung durch permanente Erreichbarkeit: Das sind nur einige der Stressoren, denen Heranwachsende bei der Nutzung digitaler Medien ausgesetzt sind. Und selbst wenn der Umgang mit medialen Angeboten subjektiv nicht unbedingt als belastend wahrgenommen wird, kann er auf Dauer ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Denn er birgt Fallstricke, die bei fehlender Medienkompetenz schwer zu erkennen und zu umgehen sind. So können Medienangebote fragwürdige Rollenbilder und Körperideale vermitteln oder ausgeklügelte Bindungsmechanismen erzeugen. Komplexe oder nicht altersgerechte Inhalte können überfordern und belasten. Bei fehlender Kompetenz zur Selbstregulierung und Reflexionsfähigkeit kann Mediennutzung also deutlich zum Stresserleben beitragen. Auf der anderen Seite stehen die eindeutig positiven Aspekte der Mediennutzung. Dazu gehören Spielfreude, Spaß und Kreativität, aber auch Möglichkeiten zum sozialen Austausch und zur emotionalen Unterstützung, Ablenkung und Entspannung. Die Beschäftigung mit Medien bietet einen erweiterten Erprobungs- und Erfahrungsraum, in dem auch informelles Lernen stattfinden kann. Eine individuelle Betrachtung ist daher entscheidend: Ob der Medienumgang risikobehaftet ist, hängt vom Nutzer, dessen Kontext und dem Medienangebot ab. Ein gezielter Medieneinsatz kann das Stresserleben in der Lebenswirklichkeit von Heranwachsenden reduzieren. Was aber benötigen Kinder und Jugendliche für einen bewussten und stressfreien Umgang mit Medien? ### Medienkompetenz: Worauf kommt es an? In unserer mediatisierten Gesellschaft ist Medienkompetenz ein wichtiger Teil der Gesundheitsbildung und damit auch eine zentrale Lebenskompetenz. Medienkompetenz muss – wie jede andere kulturelle Kompetenz auch – erlernt werden und ist ganzheitlich zu verstehen. Denn sie geht weit über das reine Bedienenkönnen von Geräten oder Anwendungen und über die Kenntnis von Inhalten hinaus. Vielmehr ist sie ein Bündel aus Fähigkeiten und Fertigkeiten, die unter den zentralen Dimensionen Medienwissen, Medienbewerten und Medienhandeln zu fassen sind. Orientierungswissen ergänzt die drei Dimensionen. Darüber hinaus ist Medienkompetenz als Kommunikations- und soziale Kompetenz zu verstehen. ### Wie gelingt Kompetenzförderung? Kinder bringen einige dieser Kompetenzen für einen gesunden Medienumgang oft schon mit. Beispielsweise wählen sie Medienangebote teils bewusst aus, lehnen sie ab oder legen sie zeitweise zur Seite. Diese Fertigkeiten sind individuell und kontextuell unterschiedlich ausgeprägt. Um die jeweilige Medienkompetenz möglichst urteilsfrei einschätzen zu können, ist der Blick auf den individuellen Nutzer relevant: Wie reflektiert ist er, wofür und warum nutzt er die Medien, und wie ordnet sich die Mediennutzung in seine sonstigen Beschäftigungen ein? Diese Ausgangsbasis lässt auch potenzielle Chancen und Risiken der Mediennutzung für jeden einzelnen Schüler erkennen. Wichtig ist auch ein möglichst objektiver Blick auf die Zusammenhänge zwischen der der kindlichen Mediennutzung, dem individuellen Stresserleben und den jeweiligen Möglichkeiten der Kompetenzförderung. Das Ziel ist, Kindern eine entsprechende pädagogische Begleitung und Unterstützung zu bieten. Denn das befähigt sie dazu, selbstbewusst, eigenverantwortlich, kreativ und kritisch-reflektierend mit Medien umzugehen. ### Medienkompetenz, Stress und Schule Auch bei der Stressregulation nehmen die eigenen Kompetenzen im Rahmen der Mediennutzung eine wesentliche Rolle ein – denn sie unterstützen einen gesunden Umgang mit Medien. Dieser kann über konkrete Angebote in der Schule erreicht werden, die fachübergreifend und fachintegrierend stattfinden können. Die Möglichkeiten sind vielfältig: So kann beispielsweise die eigene Mediennutzung betrachtet und reflektiert, Medienangebote oder -botschaften können analysiert werden. Auch der gezielte Einsatz von Medien(angeboten) zur Vermeidung oder Regulation von Stresserleben gehört dazu. Essenziell ist dabei die Entwicklung von Handlungskompetenzen, beispielsweise durch aktive Medienarbeit, mit dem Kennenlernen technischer Zusammenhänge und Sicherungsmöglichkeiten oder bei der Auseinandersetzung mit Regeln für einen verantwortungsvollen Medienumgang. Heranwachsende eignen sich in pädagogischen Lernräumen ganz konkret an, zwischen stressinduzierenden und stressreduzierenden Einflüssen zu unterscheiden und bei der individuellen Mediennutzung zu berücksichtigen. Hierzu einige Beispiele. Sie sind anhand der Kompetenzbereiche strukturiert, die von der Kultusministerkonferenz als verbindlicher Rahmen für die Entwicklung digitaler Kompetenzen festgelegt wurden: - Informationen gezielt suchen, verarbeiten und sicher aufbewahren: Diese Fähigkeit fördert einen strukturierten, überlegten und damit stressreduzierenden Umgang mit Medien. Weiterhin ermöglicht sie, bewusst zwischen positiven Herausforderungen und unnötigen Stresserlebnissen (beispielsweise durch Gewalt- oder Actionfilme) zu wählen. - Kommunizieren und kooperieren lernen fördert die positiven, stressreduzierenden Aspekte des sozialen Interagierens über digitale Medien. - Produzieren und Präsentieren: Die kreative Gestaltung unterschiedlicher Medienformaten kann als aktive Ressource gegen negatives Stresserleben wirksam sein. - Schützen und sicher agieren: Dies Kompetenz ermöglicht Heranwachsenden, selbst aktiv gegen Stresserleben im sozialen Bereich handeln zu können, beispielsweise mit dem Schutz ihrer persönlichen Daten. - Problemlösen und Handeln: Die Kompetenz, digitale Tools und technische Lösungen anzuwenden, ermöglicht einen eigenständigen und selbstverantwortlichen Umgang mit Medien. Das stärkt das Selbstgefühl und verringert gleichzeitig den Stress, sich im Mediendschungel hilflos oder unsicher zu fühlen. - Medien analysieren und reflektieren: Der kritische Umgang mit Medien (beispielsweise das Hinterfragen von Werbebotschaften) unterstützt Kinder und Jugendliche dabei, mediale Aussagen besser einzuschätzen – und sich auch davon distanzieren zu können. Das mindert deren stressinduzierende Einflussnahme. ### Mit aktiver Medienarbeit gegen Stress Ein wichtiger Aspekt von Medienkompetenz ist es auch zu lernen, digitale Medien selbst aktiv einzusetzen, um Stressoren ausfindig zu machen und das Stresserleben zu senken. Jugendlichen geht es dabei häufig entweder darum, mit emotionalen Folgen von Stress besser umgehen zu können, oder aber, konkrete Unterstützung bei Problemen zu erhalten. Beispielhafte Aktivitäten sind - Musik zur Entspannung hören; - mit andern spielen und Spaß haben; - in sozialen Netzwerken emotionale Unterstützung suchen; - im Austausch mit anderen eigene Bewältigungsressourcen stärken; - über Mediennutzung kreativ werden; - sich mit Filmen ablenken; - sich bei Leistungsproblemen Hilfe suchen oder Informationen recherchieren. Ein kompetenter und bewusster Umgang mit digitalen Medien kann also entscheidend mit dazu beitragen, die negativen Auswirkungen im Stresserleben zu minimieren oder zumindest zu regulieren.
Quellen
Lohaus, A.; Fridrici, M.; Domsch, H.: Jugendliche im Stress. Heidelberg; Springer 2017. Rosenstock, R.; Schweiger, A., et al.: Medienbildung in der Grundschule. Einführung in den Praxis Guide. 3. Aufl. Greifswald 2019, S. 10–13. Rosenstock, R., Schweiger, A., Schmid, L.: Der Medienkompass Mecklenburg-Vorpommern – Medienbildung in der Schule – Der Ringordner. Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern (MMV) (Hrsg.). Schwerin 2015, S. 19. Wiener Bildungsserver: Medien Kindergarten: Die Modelle der Medienkompetenz. URL: https://medienkindergarten.wien/medienpaedagogik/infothek/die-modelle-der-medienkompetenz/ (abgerufen am 26.03.2020).
Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Weitere Informationen