Smartphone, Apps und Internet - in der Schule

__Wenn Lehrpersonen den Eltern ankündigen, dass sich ihre Kinder nun im Unterricht einige Zeit mit dem Thema „Smartphone, Apps und Internet“ befassen werden, kommt ihnen neben der Euphorie der einen Seite – „Das wurde ja auch Zeit!“ – auch eine große Skepsis der anderen Seite entgegen. Gleichzeitig sind die Erwartungen hoch, dass sich problematischer Medienumgang, der in vielen Familien für Unmut sorgt, mit der Thematisierung in der Schule von selbst erledigt.__
Die Verantwortung für die Kinder können und müssen Sie als Lehrkraft den Eltern jedoch nicht abnehmen. Bitte lesen Sie in diesem Portal dazu auch das pädagogische Konzept und die anderen „Fakten“-Texte, d ie jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. ### Entzaubern statt verbieten Wenn die Kinder lernen sollen, Mobilgeräte als Werkzeug zu nutzen, sind pauschale Nutzungsverbote eher kontraproduktiv. Regeln sind für die Nutzung potenziell Stress auslösender Anwendungen wie Messenger, Spiele oder YouTube nützlich und sinnvoll. Mindestens ebenso wichtig für die Kinder ist es aber, das Phänomen „Internet“ verstehen zu lernen. Um nachhaltig ein Verhalten zu initiieren, das in einem achtsamen und bewussten Umgang mit dem Internet resultiert, sind für die Kinder unter anderem folgende Erkenntnisse wichtig: - Das Internet ist nichts anderes als ein weltweiter Zusammenschluss von Rechnersystemen, die nicht alle wie Computer aussehen müssen. Auch die Smartwatch, der Fahrkartenautomat, der Kassenscanner und Omas Blutdruckmessgerät können mit dem Internet verbunden sein. - Wer mit dem Internet verbunden ist, sendet und empfängt Daten. Jeder ist verantwortlich für die Daten, die er versendet oder weiterverbreitet. Alle Informationen, die jemand für irgendetwas gebrauchen kann, sind Daten – und das betrifft nicht nur Personendaten. Gesetze bestrafen zwar deren Missbrauch, entbinden den Nutzer aber nicht von der Verantwortung für die Inhalte, die er im Netz verbreitet. - Auch wenn der Nutzer ihn nicht sieht und vielleicht nicht einmal persönlich kennt: Am anderen Ende der Leitung sitzt immer ein Mensch, den er mit seinen Aktionen im Netz verletzen oder erfreuen kann. - Es sind grundsätzlich ebenfalls Menschen, die die gesamten Netzinhalte erzeugen. Aber indem Maschinen diese mittels Algorithmen auswerten, bekommen Informationen mehr oder weniger Gewicht, und neue Inhalte entstehen. - Maschinen können nicht den Wahrheitsgehalt einer Information prüfen. Das ist die Aufgabe des Nutzers. - Maschinen setzen Informationen zueinander in Beziehung. So entsteht unter anderem ein Datenzwilling von jedem Internetnutzer, über den er sich die Kontrolle nicht nehmen lassen darf. - Informationen sind manipulierbar. Das gilt auch für Bilder und Videos. Ihre Schüler sind regelmäßig und meist unbeaufsichtigt im Internet unterwegs. Umso wichtiger ist es, dass sie sich die Regeln der digitalen Realität mit der Zeit erschließen und Informationen immer kritisch gegenüberstehen. Besonders faszinierend für Grundschüler sind Bilder und Videosequenzen. Sie erzeugen manchmal sehr starke Gefühle, mit denen die Kinder kaum umgehen können. Mithilfe einer starken Wertorientierung schaffen die Kinder es, Bilder einzuordnen. Zudem ist es wichtig, die Möglichkeit der Manipulation immer miteinzubeziehen. Beispielsweise finden Sie unter dem Stichwort „Insta-Fake“ Instagram-Bilder, die – mit einfachen Mitteln bearbeitet – perfekte Illusionen erzeugen. Es macht Kindern sehr viel Spaß, solche Bilder selbst nachzustellen. Und in einem anschließenden Gespräch bemerken Sie: Die Entzauberung ist recht schnell gelungen. ### Recherchieren schon in der Grundschule: Warum ist das sinnvoll? Die meisten von uns entstammen der „typografischen Kultur“: Hier entsprach im Allgemeinen alles, was einmal gedruckt wurde, dem aktuellen Stand der Forschung und der Wahrheit. Schließlich hatten Fachleute das Buch geschrieben und andere hatten es mehrfach lektoriert und geprüft, bevor es schließlich nach vielen Monaten oder einigen Jahren veröffentlicht wurde. Gelesen wird so ein Buch üblicherweise linear, das heißt von Buchdeckel zu Buchdeckel. Nachschlagewerke waren ebenfalls linear geordnet, sodass man das Alphabet beherrschen sollte, wollte man die korrekte Schreibung eines Wortes oder seine Bedeutung nachlesen. Wenn Nutzer heute im Internet statt in Büchern und Bibliotheken nach Informationen suchen, ist die Kenntnis der Buchstabenreihung im Alphabet überflüssig. Stattdessen benötigen sie ganz neue Fähigkeiten, um sich in der Flut der Informationen zurechtzufinden. Das Fehlen der Buchdeckel und die technische Möglichkeit des „Copy and Paste“, also des Kopierens und Einfügens, führen sonst zu unreflektiertem und sinnfreiem „Wikipedia-Karaoke“, wie es der Didaktiker Bob Blume treffend bezeichnet. Welche Fähigkeiten brauchen Menschen also heute? Während ein Buch durch Anfang und Ende und seine Linearität begrenzt ist, sind es Informationen im Internet nicht. Das liegt an ihrer Netzstruktur, die eher dem menschlichen Gehirn ähnelt als einem Lehrbuch: Alles verweist irgendwie aufeinander und ist durch Links miteinander verbunden. Man nennt dies das Prinzip der „Referenzialität “ – im Unterschied zur schon benannten Linearität der Buchkultur. Statt Anfangs- und Endpunkten, Inhaltsverzeichnissen und alphabetisch geordneten Glossaren gibt es Ein- und Ausstiegspunkte, die der User selbst wählt, und unzählige Verzweigungen, an denen er abbiegen kann. Informationen im Internet haben im Unterschied zum Buch zudem immer einen vorläufigen Charakter, weil sie jederzeit kommentiert, überarbeitet oder auf andere Weise verändert werden können. Philippe Wampfler, Bildungsforscher und Lehrer, hat in seinem Artikel „Sprachliche Normen in einer Kultur der Digitalität – Eine Auslegeordnung“ am Beispiel der Orthografie sehr schön erklärt, wie sich auch Prozesse der Normsetzung verändern können. Recherchieren – also Informationen finden, bewerten und zu eigenen Zwecken weiterverarbeiten, Quellen belegen und einordnen und vor allem das Formulieren der richtigen Fragen – ist deshalb weit mehr als nur eine Materialsammlung für ein Referat. Die Schüler trainieren dabei, kritisch zu denken und einer Information auf den Grund zu gehen. Sie erkennen, dass es häufig nicht „die eine“ allgemeingültige Antwort auf eine Frage gibt, sondern dass Wahrheiten ausgehandelt werden müssen. Das dauert länger, als in einem Buch oder einem Artikel etwas nachzuschlagen und ungeprüft zu übernehmen. Ein Beispiel: Eine Lehrerin lässt ihre Klasse zu Lebensmitteln recherchieren. Am Ende der Recherche stellt ein Schüler fest, Milch sei ungesund, das stehe so im Internet. Die Lehrerin ist über dieses einseitige Ergebnis so verstört, dass sie in den folgenden Stunden nur noch Texte einsetzt, die sie selbst vorbereitet hat. Und damit wird eine wichtige Chance vertan, kritisches Denken einzuüben und Wahrheiten auszuhandeln. Wie überall kommt es auch beim Recherchieren darauf an, eigene Erfahrungen zu machen. Fehler sind dafür optimal geeignet. Als Pädagogen schaffen Sie dafür den Lernraum, den Sie abhängig von den Erfahrungen Ihrer Schüler individuell ausgestalten können. Ein solcher Lernraum schließt die Nutzung von Kindersuchmaschinen ein, etwa www.blinde-kuh.de, www.fragfinn.de oder www.helles-koepfchen.de. - Experimentieren Sie zu Beginn mit unterschiedlichen Suchbegriffen zum gleichen Thema. - Stellen Sie zunächst eine Materialauswahl, später eine Linksammlung bereit. - Arbeiten Sie mit gleichen Suchbegriffen, aber verschiedenen Suchmaschinen und analysieren Sie gemeinsam die unterschiedlichen Ergebnisse. - Prüfen Sie die verschiedenen Lizenzen bei der Suche nach Bildern und klären Sie gemeinsam die Bedeutung dieser Lizenzen. Üben Sie von Beginn an, jeder Information eine Quelle beizufügen. Das muss noch nicht ganz korrekt passieren, aber einen Link zu kopieren und einzufügen sowie ein Datum dahinter zu schreiben, schafft auch ein Grundschüler. Im oben genannten Beispiel mit der Recherche zum Thema „Milch“ wäre es geschickt, nach der Zielsetzung der Verfasser zu fragen. So kann man die unterschiedlichen Suchergebnisse besser einordnen. Wenn das Wissen des Schülers nicht ausreicht, um zu klären, ob Milch nun speziell für ihn schädlich ist oder nicht, wäre die Aufgabe, die angeführten Beweise genau zu prüfen – wieder mit passenden Suchbegriffen und unter erneuter Prüfung der Quellen. Wer so frühzeitig lernt, sich mit Informationen auseinanderzusetzen, sie geduldig zu hinterfragen und sich erst danach eine Meinung zu bilden, ist viel weniger anfällig für Manipulation – zum einen durch Produktwerbung, aber auch hinsichtlich politischer Ansichten oder zweifelhafter Angebote auf Spielplattformen. Recherchieren zu lernen ist deshalb mindestens ebenso wichtig für die Resilienz eines jeden einzelnen wie für die demokratischen Gesellschaften in der Welt. ### Risiken, Nebenwirkungen – und Chancen Spätestens ab dem ersten eigenen Smartphone ist nur noch begrenzt kontrollierbar, was sein minderjähriger Besitzer damit tut. Umso wichtiger ist es, dass Erwachsene mit Kindern sprechen, sich unvoreingenommen in ihre – oft auch faszinierende – Welt einführen lassen und diese vom Standpunkt der Kinder aus betrachten. In solchen Gesprächen, aber auch in den medienpraktischen Arbeiten gewähren die Kinder Einblick in ihre Mediennutzungsgewohnheiten zu Hause. Nicht selten erleben Sie, wie Ihre Schüler sich darüber ärgern, dass die Eltern ständig aufs Smartphone schauen, statt sich mit ihnen zu beschäftigen. Die Kinder beginnen nach Lösungen zu suchen, wobei ihnen das Verstehen der eigenen Internet-Kommunikation hilft. Wenn am Ende des Projektes das Smartphone für Ihre Schüler mehr ist als YouTube, WhatsApp und ihr Lieblingsspiel, ist bei den Themen Medienkompetenz und Gesundheit viel für die Kinder gewonnen.
Quellen
Blume, B. (2020): Unterricht: Projektunterricht konkret – Forschungsfragen. URL: https://bobblume.de/2020/06/20/unterricht-projektunterricht-konkret-forschungsfragen/ (abgerufen am 22.02.2021 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (Hrsg). Basisuntersuchungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. URL: http://www.mpfs.de/startseite/ (abgerufen am 22.02.2021) Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (Hrsg). KIM-Studie 2018. URL: http://www.mpfs.de/studien/kim-studie/2018/ (abgerufen am 22.02.2021) Stalder, F. (2016): Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp; S. 13. Wampfler, P. (2020): Sprachliche Normen in einer Kultur der Digitalität. URL: https://schulesocialmedia.com/2020/07/14/sprachliche-normen-in-einer-kultur-der-digitalitaet-eine-auslegeordnung/ (abgerufen am 22.02.2021)
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