Unser Essverhalten: So essen wir

__Während die Generation unserer Groß- und Urgroßeltern noch Nahrungsmittelknappheit kannte, leben wir heute praktisch im Schlaraffenland. Lebensmittel sind im Überfluss vorhanden und im Supermarktregal nur einen Griff weit entfernt. Neben anderen Faktoren beeinflusst diese Entwicklung auch unser Essverhalten. Doch wie essen wir eigentlich heute genau?__
Das Angebot an Fleisch, Wurst und Käse sowie zunehmend auch an vegetarischen und veganen Produkten ist heute nahezu unüberschaubar. Obst und Gemüse sind auch außerhalb ihrer Saison verfügbar. Fleisch, früher noch ein Luxusgut, können sich heute die meisten ohne große Einschränkung leisten. Dennoch – oder gerade deswegen – ernähren sich die meisten Menschen falsch, was zunehmend zu Übergewicht und Krankheiten führt. Durchschnittlich essen Männer statt der empfohlenen 2.500 Kilokalorien mit 3.900 Kilokalorien deutlich mehr, als für den Grund- und Leistungsumsatz des Körpers ausreichend wäre. Frauen sollten täglich circa 2.100 Kilokalorien zu sich nehmen, sie verzehren jedoch im Durchschnitt 2.900 Kilokalorien, wie Untersuchungen ergaben. Meist essen die Menschen nicht nur über ihren Kalorienbedarf hinaus, sondern auch zu fettig, zu süß und zu salzig. Aus Zeitmangel werden darüber hinaus zunehmend eher ungesunde Fertiggerichte oder industriell zubereitete Nahrungsmittel gekauft. Außerdem können selbst frisches Obst und Gemüse durch Schadstoffe und Umweltgifte belastet sein, die dem Körper schaden. Zur Überernährung kommen vermehrt Bewegungsmangel und Stress, die dem Organismus ebenfalls nicht guttun. In Kombination mit Mikronährstoff- und Ballaststoffmangel werden Menschen dadurch auch häufiger chronisch krank.
__Laut 13. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sind derzeit abhängig vom Bundesland 8,2 bis 12 Prozent der Kinder übergewichtig.__
### Wohin geht der Trend beim Essverhalten? Inzwischen werden Lebensmittel zunehmend weniger geschätzt. Sie werden industriell hergestellt und vor allem Kinder haben kaum noch einen Bezug zur landwirtschaftlichen Nahrungsmittelproduktion oder zur Tierzucht und -haltung. Gegessen wird, was schmeckt, und das Pausenbrot landet auch schnell mal im Mülleimer, wenn nicht der Lieblingsbelag drauf ist. Teilweise wird auch oft „reflexhaft“ und unbewusst genascht – auch als emotionale Reaktion auf Stress oder Traurigkeit. Oder man belohnt sich für etwas mit Essen. Zusätzlich sind die Menschen aufgrund des großen Angebots häufig überfordert und stehen durch Werbung unter ständigem Reizeinfluss. Vor allem Kinder werden durch Reklame und bunte Verpackungen häufig zum Kauf ungesunder Lebensmittel verleitet. Schlussendlich greifen sie im Geschäft zu den falschen Lebensmitteln und essen zu viel. Die Folge: Übergewicht. ### Gemeinsame Mahlzeiten – ein Relikt? Traditionell ist das Einnehmen von Mahlzeiten eine soziale Tätigkeit. Früher fand das Essen ganz selbstverständlich im Kreis der Familie oder der Großfamilie statt. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich geändert. Es gibt zunehmend Alleinerziehende oder Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind. Hinzu kommt in Deutschland teilweise ein fehlendes Angebot an Betreuungseinrichtungen und/oder (guten) Schulverpflegungen, sodass manche Kinder nach der Schule sich selbst überlassen sind und ihre Mahlzeit(en) allein einnehmen. Studien zeigten zusätzlich, dass sich die Bedeutung und die subjektive Bewertung des sozialen Miteinanders verschoben haben. Für Schüler nahm mit zunehmendem Alter die Wichtigkeit des Zusammenseins mit der Familie beim Essen ab. Parallel dazu wurde das Fernsehen und der Medienkonsum während des Essens immer wichtiger. Diese Essgewohnheiten bleiben nicht ohne Folgen. So hatten beispielsweise neuseeländische Kinder, die nicht zu Hause frühstückten, einen höheren *Body Mass Index (BMI)*, als diejenigen, die morgens regelmäßig zu Hause gemeinsam mit ihrer Familie aßen. Seltene gemeinschaftliche Mahlzeiten erhöhten demnach das Risiko für Kinder bis zur 3. Klasse, übergewichtig zu werden. Das liegt daran, dass Familienmahlzeiten in der Regel mit einer besseren und gesünderen Ernährung einhergehen. Allerdings geht es hier nicht nur um biologische Bedürfnisse. Die gemeinsame Mahlzeit bietet auch Raum für soziale Interaktion und Nähe mit der Familie, die im hektischen Tagesablauf immer seltener wird. Wird im Elternhaus gemeinsam gegessen, behalten die Kinder diese Tischsitten mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben lang bei. Durch gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie erhalten Kinder zudem ein vielfältigeres Angebot an Lebensmitteln und können so auch Vorlieben für bisher unbekannte Speisen entwickeln. Deshalb kann es sinnvoll sein, Kinder dafür zu sensibilisieren, dass zumindest eine gemeinsame Mahlzeit am Tag wichtig und gut für sie ist. Sie als Lehrer können die Kinder motivieren, die Familienmahlzeiten mitzugestalten. ### Welchen Einfluss hat die Schule auf ein gesundes Essverhalten? Grundsätzlich gilt, dass Kinder schon bei ihrer Einschulung in ihrer Ernährung stark festgelegt sind. Routine und Esskultur werden von klein auf im Elternhaus geprägt und können als Verhalten über Jahrzehnte hinweg fortgesetzt werden. Schon ab dem Säuglingsalter können Eltern Nahrung zur Beruhigung eingesetzt haben. Auch Essensentzug als Bestrafung oder das Belohnen mit Süßigkeiten kann zu Hause vorkommen. Wenn bestimmte Lebensmittel im Haushalt der Eltern nicht gegessen werden, ist es wahrscheinlich, dass auch die Kinder diese nicht essen – auch später nicht. Die Eltern haben hier eine starke Vorbildfunktion, die durch die Schulen oft nur schwer zu beeinflussen ist. Allerdings können Lehrer die Kinder, idealerweise bereits ab dem Grundschulalter, für Ernährungsthemen sensibilisieren und auf den Vorteil eines gesunden Frühstücks und einer gesunden Schulverpflegung aufmerksam machen. Besonders gemeinschaftliches Kochen und Essen sind positive Erfahrungen für viele Kinder. Sie bekommen die Möglichkeit zu vielseitigen Geschmackserlebnissen, die sie von zu Hause möglicherweise gar nicht kennen. Kinder können auf diese Weise erkennen, was ihr Körper braucht und sie erlernen Fertigkeiten zur Zubereitung einfacher Mahlzeiten. Durch Gesundheits- und Ernährungsbildung in der Schule lernen sie auch, Lebensmittelwerbung besser einzuschätzen und selbstsicherer bei der richtigen Wahl von Lebensmitteln zu werden. Sie erfahren, wie sie sich verantwortungsbewusst ernähren sowie kritischer mit Lebensmitteln, Nahrungsmittelangeboten, Gruppenzwängen und vorgelebten Ernährungsgewohnheiten umgehen können.
Quellen
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Presseinformation: Presse, DGE aktuell, 2017 03/2017 vom 01.02.2017. So dick war Deutschland noch nie.Ergebnisse des 13. DGE-Ernährungsberichts zur Übergewichtsentwicklung. URL: https://www.dge.de/presse/pm/so-dick-war-deutschland-noch-nie/ (Stand 19.09.2019) Gable, S. et al.: Television watching and frequency of family meals are predictive of overweight onset and persistence in a national sample of school-aged children. In: Journal of American Dietetic Association (2007) 107(1):53-61. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17197271 (Stand 19.08.2019) Larson, N. I. et al.: Family meals during adolescence are associated with higher diet quality and healthful meal patterns during young adulthood. In: Journal of American Dietetic Association (2007) 107(9):1502-10. URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17761227 (Stand 19.08.2019) Rockett, H. R.: Family dinner: more than just a meal. In: Journal of American Dietetic Association (2007). URL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17761226 (Stand 19.08.2019)
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